XTC009 – Alexander Hoaxmaster Waschkau

Ich hatte die Ehre, Alexander Waschkau, auch bekannt als “Hoaxmaster” in meinem Podcast interviewen zu dürfen. Wir sprechen über seine Sicht auf die Szene, gehen etwas ins “Psychologische” und versuchen auch zu ergründen, ob es in der schwarzen Szene mittlerweile braune Punkte gibt.

 

Links:

Homepage von Hoaxilla, dem Skeptischen Podcast aus Hamburg

Interview mit Daniel Graves

Das Buch “Muss man wissen” über Dr. Axel Stoll (Amazon) (jmb Verlag)

Das Buch “The Hoax Files” zum Vorbestellen

 

Ein Gedanke zu “XTC009 – Alexander Hoaxmaster Waschkau

  1. Huch?! Noch keine Kommentare? Dann wird es ja Zeit für einen richtig langen! 🙂

    Beim Nachhören alter Hoaxilla-Folgen bin ich auf diese Folge gestoßen und dachte mir gleich: Ha! Dazu muss ich meinen Senf abgeben, da ich mir die Schwarze Szene schon lange unter psychologischen Gesichtspunkten versuche anzusehen (basierend auf wie ich es nennen würde „fundiertem Halbwissen, das teilweise auch von Alexander kommt ;)), einen etwas anderen und vielleicht auch ganz interessanten Standpunkt habe und nicht zuletzt auch gerne rede. ;D

    Anders als Alexander habe ich mich tatsächlich lange Zeit als „Teil der Szene“ betrachtet, einfach weil mir persönlich „Szeneleben“ wichtig ist (so als eine Art „erweiterte Familie“), ich (noch immer) die ehemals größte Internet-Community der Schwarzen Szene im deutschsprachigen Raum (basierend auf Nutzerzahlen) betreibe und dadurch natürlich einen Haufen Kontakte quer durch die Republik hatte.
    Mittlerweile betrachte ich das ganze von außen, nachdem ich mich über Jahre hinweg in der Szene immer unwohler gefühlt hatte (mich tatsächlich immer mehr als „zu alternativ für die Schwarze Szene“ gefühlt habe) und mich inzwischen in der Goa- und Psy-Szene bewege, in der ich – wie ich behaupten möchte – überraschenderweise die Goths gefunden habe, die ich in der Schwarzen Szene immer gesucht hatte. Daher ein durchaus negativ durchzogener kritischer Blick auf die Szene, die IMO inzwischen eher zu einem großen LARP denn zu einer Subkultur geworden ist.

    Aber nun zu den einzelnen Punkten (Feedback von euch erwünscht!):

    Szene als Jugendkultur:

    Die Szene war sicher mal eine Jugendkultur und zwar als die quasi „neu“ war und eben fast nur aus Jugendlichen bestand. Inzwischen würde ich eher sagen, dass es _innerhalb_ der Szene eine Jugendkultur gibt, die vom Rest genau so argwöhnisch und missbilligend betrachtet wird, wie das gegenüber Jugendkulturen halt immer stattfindet.

    Ideale der Szene:

    Da möchte ich Alexander in gewissem Sinne widersprechen: Klar, wer definiert denn, was die Ideale sind? In diesem Fall ist das aber recht einfach, denn die Szene selbst definiert sie und trägt sie demonstrativ und als Zeichen nicht nur der Abgrenzung, sondern regelrecht der Überlegenheit gegenüber dem „Mainstream“ oder den paar anderen Subkulturen, die sie mit ihrem kleinen Horizont überhaupt kennt. Also muss sie sich auch an diesen selbst auferlegten Idealen messen lassen und versagt IMO dabei inzwischen auf ganzer Linie. Was ich sehr schade finde, denn auch ich habe so das verloren, wo ich mich einst zumindest halbwegs zu Hause gefühlt habe (ungeachtet dessen, dass ich wo anders ganz zu Hause bin ;)).

    Besonders ärgerlich finde ich den „Verrat der Ideale“ am Umgang miteinander: Ich habe nirgends sonst so viel Feindschaft, Geläster, Intoleranz und regelrechten Hass zwischen den einzelnen Strömungen einer Szene erlebt, bis hin zu geradezu faschistoiden „Haltet eure Szene sauber!“-Aufklebern. Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute haben nicht mehr miteinander zu tun, als dass sie sich zusammentun _müssen_, da sie sonst zu wenige wären, um einen Club oder eine Bar zu halten.

    Mal abgesehen von diesen Extremen finde ich, dass die Szene schlicht und einfach alt geworden ist. Sie besteht inzwischen zu einem erschreckend großen Teil aus stockkonservativen
    Mittdreissigern, deren Prioritäten sich von denen des „Mainstreams“ nur durch die Farbe der Klamotten, den Stil der Inneneinrichtung und die Ziele des Sommerurlaubs unterscheidet, wenn überhaupt.

    Psychische Probleme und die Szene:

    Ich würde sagen, dass die Schwarze Szene auf eine gewisse Art Menschen mit Problemen anzieht und zwar diejenigen Jugendlichen, die sich selbst als die Loser sehen. Wer im „Mainstream“ nie akzeptiert wurde, weil er/sie nie die coolen Klamotten hatte, die coolen Freunde, die coolen Hobbys usw. (mit allen psychischen Folgen, die aus so etwas entstehen) sieht in der Szene womöglich einen Ort, wo er quasi das Blatt noch einmal von hinten aufrollen und vollkommen neu anfangen kann.

    Auf der anderen Seite habe ich lange beobachtet, dass das demonstrative Zurschaustellen psychischer Probleme schon ein regelrechter Trend in der Szene war. Depressionen und Borderline gehörten zum Gothic-Starterpaket schon genau so dazu wie Piercings, Tattoos und schwarz (oder in Ausnahmefällen rot ;)) gefärbte Haare. Böse ausgedrückt würde ich Teile der Szene so wie ich sie kenne schon fast als ein Haufen pubertierender Hypochonder bezeichnen, die sich gegenseitig stolz ihre narbenübersäten Arme zeigen.

    Kommerzialisierung:

    Was ich da als problematisch betrachte, ist nicht dass die Szene mittlerweile vollkommen durchkommerzialisiert ist, sondern dass eben der Faktor ein großer Teil des Selbstbetrugs der Szene ist, die noch immer ihre angebliche Lebensart ohne die Konsumzwänge des „Mainstream“ als Abgrenzung und Argument ihrer Überlegenheit dem gegenüber benutzt. Dabei würde ich, was die Kommerzialisierung betrifft, die Schwarze Szene sogar als recht extrem bezeichnen, verglichen mit anderen Szenen oder Subkulturen. Dazu zählt auch, dass es eine vergleichsweise starke Trennung zwischen „Machern“ und „Konsumenten“ gibt. Das fällt umso stärker auf, wenn man sich mal in einer Szene bewegt, in der Partys und auch größere Open Air Festivals zu einem großen Teil von der Szene selbst organisiert und auf privater Basis finanziert werden, was man in der Schwarzen Szene gar nicht findet (in meinen 13 „aktiven Jahren“ war ich bei _keinem einzigen_ privat organisierten Event und wenn mal wieder ein Club geschlossen wurde, war das Geschrei jedes Mal groß – aber einen Ersatz organisieren wollte niemand).

    Satanismus:

    Am Land wird da noch mehr Misstrauen seitens der Bevölkerung sein, aber für städtische Umgebungen würde ich behaupten, dass das Thema schon lange durch ist. Goths sind IMO für die „Stinos” schon lange nur noch etwas seltsame Leute, die sich gerne verkleiden. Man kennt Abby aus CSI und die Hornbach-Werbung, Mark Benecke ist überall, Muttis feiern zusammen mit ihren Töchtern Unheilig und an die Rudas erinnert sich schon lange niemand mehr. Außerdem hat sich die Szene selbst gewandelt: Waren es um die 2000er rum noch vorrangig Teenager und junge Twens, denen man alles zutrauen könnte ;), sind es heute eher Mittdreissiger mit job-kompatiblen Frisuren und schwarzen Mänteln. No Satanismus here, gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.

    BDSM:

    Ähnlich die bei psychischen Problemen: Interesse an BDSM gehört in der Szene schon regelrecht zum guten Ton. Keine Ahnung, ob der Anteil größer oder kleiner ist als anderswo, aber definitiv ist dort die Zahl derer am größten, die nur vorgeben, ach die fiesen Fetishschlampen zu sein.

    Okkultismus und Aberglaube:

    Da muss ich tatsächlich mal etwas positives über die Schwarze Szene und ihre Veränderung in den letzten 10 Jahren sagen: Das ist IMO kaum noch Thema. Bei den Goaleuten stehe ich als Freund des wissenschaftlich-kritischen Denkens tatsächlich am Rand, bei den Gothen ist das Interesse an Okkultismus und Esoterik glaube ich sogar _unter_ den Gesamtdurchschnitt gefallen, da die Szene mit dem Alter wie gesagt sehr konservativ geworden ist.

    Braune Flecken:

    Von einer Unterwanderung in den letzten Jahren kann man IMO nicht sprechen, denn diese ist schon lange vorher passiert. Hatten wir Anfang der 2000er noch Projekte wie „Grufties gegen Rechts“, sind diese schon lange gestorben. Unter dem Deckmäntelchen der Politikferne, des Uniformfetish und der Romantisierung der Vergangenheit wird über die tiefbraunen Teil der Szene IMO einfach hinweggesehen, was dem insgesamt meinem Eindruck nach eher rechtskonservativen Rest der Szene auch nicht sonderlich schwer fällt. Nennen wir das Kind mal fies verallgemeinernd beim Namen: Es ist eine Szene für weiße Mittelstandskinder aus dem Westen, Punkt.

    In bin in den letzten Jahren nicht zuletzt durch den Einfluss der Piraten und diverser Podcaster tiefrot geworden und führe meinen kleinen persönlichen Kreuzzug gegen unsoziales Denken, was sich darin äußert, dass ich mit Leuten (die das meiner Meinung nach nötig haben) rede oder die (falls es absolut sinnlos erscheint) aus meiner Filterbubble entferne, sei es durch Unfollow auf Twitter, „Freundschaft“ beenden auf Facebook oder rigeroses Aussortieren meines Real Life-Umfelds. Dabei ist mir aufgefallen, dass wann immer ich in den letzten Jahren für meine linke Einstellung und mein Engagement kritisiert oder sogar angegriffen wurde, es IMMER aus der Schwarzen Szene kam und sich das auch nicht geändert hat, während die Kontakte in die Szene von „fast alle“ zu „ein paar Reste“ eingedampft wurden.

    (Disclaimer: Bevor mir jemand Verallgemeinerung oder Polemik vorwirft: Ja, ich weiß und das war alles Absicht. 😉 Reaktionen ruft man nicht hervor, indem man um den heissen Brei herumredet und ich bin halt in der Position, Kritik an der Szene auch überspitzt aussprechen zu können, ohne Angst haben zu müssen, eben dieses Zuhause zu verlieren, da es mir schlichtweg egal geworden ist. Feedback dazu würde mich sehr freuen – auch negatives, denn dann wurde zumindest über die Punkte nachgedacht.)

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